Bruckner: Sinfonie Nr. 4 - einige Gedanken zur Fassung
Bruckners Vierte Sinfonie ist mit der Dritten diejenige seiner
Sinfonien, zu der das Problem der Fassungen besonders komplex ist - es
sind bis zu sieben authentische Fassungen nachgewiesen worden.
Die Fassung letzter Hand von 1888 war bis vor ein paar Jahren nicht
besonders bekannt und stand bis zur Ausgabe von Korstvedt 2004 im
Verdacht, eigentlich keine eigenhändige Fassung zu sein, sondern
hauptsächlich auf die Schalk-Brüder und Löwe
zurückzugehen. Korstvedt weist aber doch recht schlüssig
nach, daß die zahlreichen Änderungen nicht unbedingt im
Widerspruch zu Bruckners Intentionen gewesen sein müssen.
Ein Vergleich mit der am häufigsten aufgeführten 1878/80er-Fassung ist faszinierend.
Ich glaube, daß man hinsichtlich der Art der Abweichungen scharf
unterscheiden muß. Einerseits sind da die Kürzungen bzw.
formalen Änderungen im 3. und 4. Satz: Diese sehe ich
persönlich überhaupt nicht ein und halte sie tatsächlich
für zeitbedingte Zugeständnisse an ein die
außergewöhnlichen Dimensionen nicht gewohntes Publikum.
Analysiert man die längere Fassung, bemerkt man zuallererst die
extreme Ökonomie in der formalen Gestaltung - es gibt keinen Takt,
der nicht streng zum architektonischen Skelett gehört; nichts ist
formales Beiwerk - (Ab)kürzungen machen das Stück vielleicht
etwas kürzer, aber nicht unbedingt nachvollziehbarer und damit -
wird es, wenn überhaupt: langweiliger!
Dann: die Instrumentationsänderungen. Diese sind wiederum in
tatsächliche klangliche Änderungen und in reine
notationstechnische Adaptionen bzw. präzisierungen zu unterteilen.
Während ich - wieder sehr subjektiv und persönlich - mit den
tatsächlichen klanglichen Änderungen sehr wenig anfangen kann
(der für Bruckner sonst so charakteristische Registerklang wird
stark zugunsten einer viel Wagner-näheren Mischinstrumentation
aufgeweicht, die Piccoloflöte und das Becken halte ich für
ganz verzichtbar), gibt es doch einen bedenkenswerten Aspekt - die
Streicherbehandlung verzichtet auf viele der repetierten Figuren;
Tremoli sind nicht immer durchgehend, sondern sehr differenziert
notiert (besonders die Schlußsteigerung des Finales - da gibt es
nicht wie in 1878/80 gleich ein diffuses Tremolo, sondern zunächst
"nur" Achtelsextolen - das Pulsieren dieses Ostinatos wird viel
deutlicher). Das Streichertremolo zu Beginn der Sinfonie allerdings
läßt in der 1888er-Fassung die Kontrabässe liegen - ich
finde das auch ein bißchen schade.
Das muß allerdings keinen Widerspruch, keine grundlegende
Änderung zur Fassung davor darstellen - denn auch so ist man als
Dirigent aufgefordert, jedes einzelne Brucknersche Tremolo intern zu
differenzieren, detailliert zu gestalten; so muß am Beginn der
Sinfonie selbstverständlich darauf geachtet werden, daß das
Tremolo besonders in den Kontrabässen nicht zu schnell und
hektisch ausgeführt wird - und der Herzschlag des
Sinfonieschlusses muß deutlich hörbar, deshalb trotz
Tremolos gut artikuliert sein. So wird sich eine gut geprobte
Aufführung der Sinfonie in beiden Fassungen wahrscheinlich sehr
ähnlich anhören.
Die überzeugendsten und interessantesten Änderungen sind
jedoch die im Gegensatz zur Fassung davor viel häufigeren
Anweisungen zu Tempo und Tempomodifikation. Man darf dabei nicht aus
den Augen verlieren, daß es diese Fassung war, die im Zuge der
Aufführung durch Hans Richter zustandekam, d.h. nur in sie
fließen praktische Erfahrungen ein; und wenn Bruckner aus dem
"Bewegt, nicht zu schnell" des ersten Satzes ein "Ruhig bewegt (nur
nicht schnell)" macht, der zweite Satz nicht mehr "Andante quasi
Allegretto", sondern nur noch "Andante" heißt, und im Vergleich
zu davor sehr viel öfter "Ruhig" in Partitur steht, dann spricht
das, genau wie viele eingefügte Fermaten und viele leichte
Accelerandi und Ritardandi etc. für Bruckners offenbare Intention,
möglichst die Tempi, die zeitliche Disposition flexibel zu halten
und alle Hektik und Starrheit zu vermeiden: Ich bin überzeugt,
daß es sinnvoll ist, den meisten dieser neuen Anweisungen zu
folgen, auch wenn man ansonsten die Fassung von 1878/80 dieser
gewaltigen und nach wie vor so ungemein enigmatischen Sinfonie
aufführt.
Nicolas Radulescu, Juli 2009