Schubert: Italienische
Ouvertüre, Symphonie Nr.6, Mozart: Violinkonzert A-Dur
Da schreibt einer: Kennen
Sie lustige Musik? Ich nicht. Oder: Da
wurden die Brüder sehr fröhlich. Ich aber war traurig.
Oder: Und zum zweiten Male wandte ich meine
Schritte und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe für die,
welche sie
verschmähten, wanderte ich abermals in ferne Gegend. Lieder
sang ich nun lange,
lange Jahre. Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und
wollte ich
wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zertheilte mich
die Liebe
und der Schmerz.
Einer, der sich Texte aneignet wie: „Dort,
wo du nicht bist, dort ist das
Glück.“ Oder: Gute
Ruh, gute Ruh! / Tu die Augen zu! /
Wandrer, du müder, du bist zu Haus. Oder: Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh ich wieder
aus. Einer, der
wie niemand vor und niemand nach ihm versteht, sich in Dichtung
hineinzuversenken, jede feinste Verästelung der Lyrik
nachzuempfinden, der kaum
aus seiner Geburtsstadt herauskommt und der in sich und aus sich heraus
eine
Welt baut: eines der wenigen wirklichen Wunder der Musikgeschichte.
–
Ein Schicksal: So etwas muß
domestiziert werden, um in
seinem letztendlichen Scheitern(?) erträglich zu werden und in
seiner
Rätselhaftigkeit harmlos.
So wird der
Wanderer zum fröhlichen Trinkgesellen, zum dicklichen
Biedermeier, zu „unserem“
Volkskunsthandwerker, zum vormärzlichen Eskapisten, zum netten
Burschen aus der
Vorstadt, etwas linkisch, kurzsichtig, aber eben nett, kein Titan,
sondern
einer von uns, einer, der Populäres zur hohen Kunst macht,
dessen Lieder,
mißverstanden, oder besser: unverstanden, geradezu
hymnentauglich sind.
1817: Franz Schubert, 20, schreibt
etwas weniger als die
Jahre davor, aber: ca. 60 Lieder („Der Schiffer“,
„Ganymed“, „Die Forelle“,
„An
die Musik“), zwei Ouvertüren und eine Sinfonie.
Die Ouvertüre
im italienischen
Stil in D-Dur D. 590 entsteht im November 1817 parallel zur
6. Sinfonie:
Auf den ersten Blick ist hier wie in jener wenig Düsteres zu
sehen – das Stück
wirkt über weite Strecken wie eine Bestätigung der
Vorurteile über den „netten“
Schubert. Und doch
Rastlosigkeit in der
harmonischen Anlage: In der langsamen Einleitung wird das strahlende
D-Dur
sofort nach h-Moll gebogen (das musikalische Material verwendet
Schubert einige
Jahre darauf wieder, in seiner berühmteren
Zauberharfen/Rosamunden-Ouvertüre);
das dann doch erreichte D-Dur wird sofort, hart, durch d-Moll ersetzt
– und die
Wanderung führt erst über F-Dur zurück nach
D, welches, noch härter, durch
verminderte Dreiklänge unterbrochen wird, die die Musik fast
ganz zum Ersterben
bringen. Das
anschließende Allegro ist
nun tatsächlich viel gelöster, obwohl auch hier
weiter durch entferntere
Tonarten gewandert wird. Der
einzige
tatsächlich hörbare
„italienische“ Anklang findet sich am
Schluß, das Stück
endet mit einem rasend schnellen Tarantella-Teil.
Die 6.
Sinfonie in
C-Dur D. 589 ist sicher eines der eigenartigsten Werke
Schuberts. Äußerlich
ganz klassizistisch, von sehr
klarem formalem Aufbau klingt auch diese Sinfonie, wie die
Ouvertüre, über
weiteste Strecken liedhaft, buffonesk, doch etwas biedermeierlich.
Rossinis
Einfluß auf Schuberts frühe Sinfonien wurde
wiederholt festgestellt – und
tatsächlich finden sich in jedem Satz Stellen von Rossinischem
Charme und
Esprit. Das Thema des zweiten Satzes gibt in seiner schlichten
Schein-Naivität bei
jedem Durchspielen Anlaß zu lächeln… Das
Scherzo ist robust.
Und doch: lustig
ist diese Musik nicht. Immer
wieder gibt
es in der 6. Sinfonie Stellen (das più
moto des ersten Satzes, das irrlichternde E-Dur-Trio in einem
C-Dur-Scherzo, und das gesamte Finale), die ratlos machen.
Überhaupt besonders
dieses Finale: Es ist nicht besonders schnell (Allegro moderato),
dafür lang,
voller Wiederholungen und bis auf ein paar Fermaten in einem
durchgehenden Tempo gehalten; und zweimal flackert
Verzweiflung auf, die aber sofort unterdrückt wird und statt
dessen in eine
geradezu grotesk banale Episode mündet. Italienischer Witz und
Esprit erstarren
auf eine, ich kann es nicht anders sagen, direkt mechanistische Weise.
Bei
allem Klassizismus und aller Rossini-Nähe kündigt
sich hier aber etwas in der
Sinfonik bis zu diesem Zeitpunkt völlig Unerhörtes
an: ein anscheinend bewußtes
Thematisieren von Karikatur, Scheitern, der Leere, der obsessiven
Wiederholung,
dem Verstummen, und der Länge.
Der
C-Dur-Schluß klingt nicht triumphal, sondern eher forciert
und abgerissen:
Schubert notiert am Ende der Partitur noch 3 (!) Takte als
Generalpausen.
Dieses scheinbar ziellose Umherirren findet sich dann besonders in
Schuberts
„späten“ Werken wie der
„großen“ C-Dur-Sinfonie und den letzen
drei
Klaviersonaten – und übte enormen Einfluß
vor allem auf Mahler und über diesen
auf Schostakowitsch aus.
Persönlich muß ich
beim Dirigieren der Sinfonie immer an
„Mut!“, das drittletzte Lied der Winterreise
denken: Fliegt der Schnee mir ins Gesicht,
/ Schüttl' ich ihn herunter. / Wenn mein Herz im Busen
spricht, / Sing' ich
hell und munter.
Mozarts A-Dur-Violinkonzert
KV 219 von 1775 spielt auf völlig andere Weise mit
der Konvention: Der
musikalische Stil, den wir vereinfachend „Wiener
Klassik“ nennen, hat nichts
mit einem klassizistischen Einhalten
oft willkürlicher Regeln zu tun, sondern, besonders auf
formalem Gebiet, immer
mit einem kunstvollen Spiel mit der
dem gebildeten Publikum vertrauten Konvention, mit der
Überraschung, und auch –
ein Schritt weiter – mit dem Unvorhersehbarmachen
des an sich Regelmäßigen.
Wo sind nun im
A-Dur-Konzert diese Momente?
Als gebildetes Publikum freuen wir
uns, daß Mozart uns zu
Beginn eine reguläre „Exposition“ des
Themas gönnt – beide Themen, oder was wir
dafür halten, sind gut auseinanderzuhalten. Nach dem ersten
musikalischen
„Doppelpunkt“ aber die größte
Überraschung: Anstatt, daß nun das Violinsolo mit
dem ersten Thema einsetzt, wird – wie von
einem anderen Stern – ein Adagio der
Solovioline mit Orchester eingeschoben. Anschließend
überrascht Mozart uns
gleich wieder: Das, was wir für das Hauptthema gehalten
hatten, entpuppt sich
als orchestrale Begleitung des eigentlichen Themas, das nun
vollständig von der
Violine vorgetragen wird. Die zweite formale
Riesenüberraschung findet im
dritten Satz statt, der eine interessante Kombination aus Menuett und
Rondo
ist: Urplötzlich wird der Ablauf unterbrochen – von
einem eingeschobenen a-Moll-Allegro
im 2/4-Takt, das unverkennbar
(die Bässe werden nicht gestrichen, sondern mit dem Bogen auf
die Saiten
geschlagen!) die Merkmale einer alla
Turca trägt. Über den zweiten Satz aber,
eines von Mozarts tiefgründigsten
Adagios, sollte man nicht schreiben, sondern ihm nur zuhören.
Nicolas
Radulescu
Januar 2008