Tempo - einige Gedanken
Das Wort „Tempo“ ist im musikalischen Sinn eines der
widersprüchlichsten, mißverstandensten. Es wird meistens mit
„Geschwindigkeit“ verwechselt, ohne darüber
nachzudenken, daß es in der Musik doch am seltensten darum geht
(oder gehen sollte), möglichst schnell von A nach B zu kommen.
Die Diskussion, ob es für ein Stück nur ein einziges, immer
richtiges Tempo gäbe, dauert seit Jahrhunderten an – auf der
bejahenden Seite sind oft innovative Komponisten wie Beethoven oder
Schönberg zu finden, die eben aufgrund ihrer Innovativität
mit Hörgewohnheiten brechen und darauf angewiesen sind, daß
zunächst ihren schriftlichen Anweisungen mehr getraut wird als
irgendwelchen „Traditionen“, auf der verneinenden sehr oft
musikalische Praktiker wie Furtwängler und besonders Celibidache
(beiden wird oft – oft, nicht immer, zu Recht – „zu
langsames“ Tempo vorgeworfen), dem ich wohl die stärksten
musikalischen Eindrücke meiner Kindheit und Jugend verdanke und
der auch vieles von dem, was ich hier ansprechen werde, postuliert und,
wie ich meine, demonstriert hat.
Was in der ganzen Diskussion oft vergessen wird: Das
„Stück“ als solches existiert nicht, ebenso wenig wie
das „Tempo“ a priori existiert; die kompositorische
Klangvorstellung wird zu Papier gebracht, und dieses Papier wird zum
Erklingen gebracht – jedes Mal aufs neue. Keine Aufführung
gleicht der anderen.
Hochinteressant, daß sich jemand wie Brahms fast immer weigert,
Metronomzahlen anzugeben (mir fallen ad hoc überhaupt nur die zum
2. Klavierkonzert ein, die ich noch niemals auch nur
näherungsweise so gehört habe) – genauso wie (und hier
ist der souveräne Praktiker zu erkennen) der ansonsten kein Detail
im Unklaren lassende Gustav Mahler, der sich trotz seines Kontrollwahns
als Dirigent der Problematik des „absoluten“ Tempos ganz
bewußt zu sein scheint und allermeistens auf Metronomzahlen
zugunsten oft sehr wortreicher verbaler Anweisungen verzichtet.
Was zu erstreben ist: im Augenblick der Aufführung die
größte Dichte der Klangrede zu erzielen. Je mehr ein
Augenblick gestaltet ist, umso mehr Zeit wird er erfordern, um nicht
den nächsten oder vorhergehenden Augenblick zu stören.
Geglückte Aufführung ist die, bei der die klanglichen
Ereignisse, die Elemente der Klangrede, einander nicht im Weg stehen
(dann war das Tempo zu schnell) und andererseits die Abstände
zwischen ihnen nicht zu groß werden (dann war das Tempo zu
langsam). Zu den wichtigsten Faktoren hier gehören Raumakustik
und Größe bzw. Klangfülle des Ensembles. Man kann aber
in keinem Fall von einem absolut zu schnellen oder zu langsamen Tempo
sprechen, sondern nur von einem für diese oder jene Situation
unpassenden. Unterprobte Stücke, bei denen wenig gestalterisch
gearbeitet wurde, gewinnen durch höhere Geschwindigkeit (nicht
vorhandene rhetorische Elemente stehen einander nicht im Weg), extrem
gut geprobte Stücke vertragen weitaus langsamere Tempi. Ebenso
verlangt ein schlankes, klein besetztes Orchester mit
Originalinstrumenten in einem kleinen Saal viel zügigere Tempi als
ein spätromantisch besetztes Ensemble in einem riesigen Saal
– und das bei der Aufführung der selben Komposition. Die
natürlichen Grenzen der Spiel- bzw. Singbarkeit können dabei
nicht über- und unterschritten werden, sind aber auch nicht
unveränderlich, sondern unterliegen wiederum vielen Faktoren
– Zeitgeschmack (auch und gerade in der Verwendung des Vibratos
bei den Streichern), Entwicklung der Instrumenten- und Gesangstechnik,
individuelle Fähigkeiten des Ensembles…
Ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen als zu langsam empfundenen
und als zu schnell empfundenen Tempi. Bei „zu langsamen“,
wenn sie wirklich auf einer zu geringen Dichte an musikalischem
Ereignis beruhen, ist das Ergebnis Langeweile durch geistige
Unterforderung des Publikums, nichts schlimmeres. Bei „zu
schnellen“ aber überschlagen sich die Ereignisse, die
musikalische Rede wird unklar, es stellen sich Streß, schlimmer
aber: Teilnahmslosigkeit oder ein Gefühl der Begeisterung für
bloße technische Brillanz ein. Während Langeweile
schlimmstenfalls einschläfernd wirkt (zu oft wird aber klassische
Musik genau deshalb gehört – zur Entspannung nach einem
anstrengenden Arbeitstag; ein entsetzlicher Mißbrauch), verstellt
das Vergnügen an bloßer Brillanz ähnlich wie
äußerlicher Geschwindigkeitsrausch (vom ICE aus sind
Landschaften nicht gut erkennbar) den Blick auf das, was Musik
überhaupt zu tun in der Lage ist: eine innere, verinnerlichte
Landschaft zu erzeugen und gleichzeitig zu vermitteln – Menschen
zu vereinen.
Nicolas Radulescu, Juli 2009