Im nachschöpferischen Umgang mit textbasierter Kunst vergangener Epochen – Literatur, Musik – muss, da es sich ja um die Quelle jeder Beschäftigung damit handelt, die Werktreue im Mittelpunkt stehen.

Besonders in der Musik wird das aber durch den Umstand ganz entscheidend erschwert, dass der überlieferte Text – die schriftliche Quelle, die Partitur – niemals die Gesamtheit der künstlerischen Intentionen des Komponisten wiedergeben kann: Und so kommt zur mehr oder weniger gesicherten, mehr oder weniger eindeutigen Quelle zwangsläufig eine diffuse Wolke an historischen Forschungsergebnissen, Traditionen und subjektivem Dafürhalten, auf die wir umso mehr angewiesen sind, je weniger „vollständig“ die Quelle notiert ist.

Je mehr sie sich ursprünglich an ein klar umrissenes Publikum (die Ausführenden) ihrer Zeit, ihrer Kultur richtet, je mehr sie sich an die Konventionen dieser Kultur hält (was nicht mit zwangsweise mangelnder Originalität verwechselt werden darf!), desto weniger wird es ihr nötig sein, auch alles auszubuchstabieren. Je weniger sie sich daran hält, wie z. B. die Partituren Mahlers, oder je weniger sie auf eine einheitliche Sprache vertrauen kann (wie es heute generell der Fall ist), desto mehr wird sie auf möglichst vollständige Notation angewiesen sein.

Hundertprozentige Vollständigkeit in allen musikalischen Parametern ist jedoch unmöglich: Eine Partitur ist eben kein Computerprogramm, das ohne Rest jede Aufführungsanweisung enthält.

Unsere Aufgabe als Nachschöpfende ist es, uns das Vorhandensein und die letztendliche Notwendigkeit dieser zusätzlichen Aspekte bewusst zu machen, die Wolke so wenig diffus wie möglich zu machen und eine möglichst reflektierte Balance zwischen den einzelnen Elementen anzustreben: Quelle – historische Forschung – Tradition – Subjektivität.

Die letzten beiden Parameter sind stets zu hinterfragen und dürfen keinesfalls der Quelle und historischen Forschungsergebnissen widersprechen – es sei denn, wir grenzen uns bewusst und mit einer bestimmten künstlerischen Absicht vom Original ab; das ist natürlich legitim.

Stumpfes Exekutieren von Urtextausgaben (und ja, auch die sind Kinder ihrer Zeit!) ist ebenso tödlich wie das Festhalten an verfälschenden „praktischen“ Ausgaben.

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